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Der Keks - Eine persönliche Geschichte

Veröffentlich
3.4.25
Leonie Ries
Autor

In diesem Blog erfährst du , was es mit dem Keks, Konsequenzen, meiner Haltung und der Verbindung zu mir selbst und meinem Kind auf sich hat. Heute gibt es mal eine ganz persönliche Geschichte von mir um dir zu zeigen wir sind nicht perfekt, das Leben darf ein Abenteuer aus unseren ganz eignen Geschichten sein, die uns dazu dienen mehr über uns Selbst zu erfahren. Möge sie dich zum schmunzeln, reflektieren bringen und dir etas Leichtigkeit in deinem Familienalltag schenken.

Der Keks - eine persönliche Geschichte

Eine ganz besondere Geschichte von mir, die ich heute mit dir teilen mag, denn sie hat meine Elternschaft sehr beeinflusst. Als wir auf dem Weg nach Italien waren, hat sich diese Geschichte wiederholt, sogar ganz in der Nähe der Stadt, in der sie sich zum ersten Mal ereignet hatte.

Jetzt möchte ich euch aber nicht länger auf die Folter spannen. Also los geht’s – der Keks.

Wenn wir an diese Geschichte denken, bringt sie uns immer wieder zum Lachen, obwohl uns damals gar nicht danach war. Vielleicht kennst du diese Art von Geschichten, und ich zaubere dir schon jetzt ein Lächeln ins Gesicht.

Also, was hat es nun mit dem Keks auf sich? Wir waren unterwegs zu einer Stadt, ungefähr 1,5 Stunden Fahrzeit lagen vor uns. Unsere Kinder waren damals noch viel kleiner als jetzt. Das Kind, um das es hauptsächlich geht, war ungefähr vier Jahre alt.

Wir sind also losgefahren, und ich hatte wie bei jeder Fahrt eine bestimmte Auswahl an Verpflegung dabei. Ich saß vorne auf dem Beifahrersitz – das ging zu dem Zeitpunkt schon ganz gut. Kaum losgefahren, wurde schon nach etwas zu essen verlangt. Wir hatten unter anderem salzige Cracker und süße Kekse dabei. Ich fragte also die Kinder:

„Wollt ihr Cracker oder Kekse?“

Die Kinder einigten sich sehr schnell auf Cracker. Ich verteilte also die Cracker, und kaum war der erste Cracker gegessen, kam:

„Jetzt ein Keks!“

Zu diesem Zeitpunkt war ich der Meinung, dass ich konsequent bleiben muss – so wird es Eltern ja empfohlen. Da ich zu Anfang angekündigt hatte, dass wir zwei Packungen haben und ich eine jetzt und die andere später aufmache, dachte ich, die Entscheidung sei getroffen. Also sagte ich:

„Nein, wir machen die Kekse nicht auf! Ihr habt gesagt, ihr wollt Cracker.“

Wie gesagt, es war der Anfang der Fahrt. Die ganze Fahrt über ging es in Dauerschleife:

„Ich will einen Keks! Jetzt gib mir doch bitte einen Keks!“

Aus dem Verlangen wurde ein Jammern, ein Weinen, ein Betteln, ein Bitten. Ja, und wir dachten, wir wollen ja gute Eltern sein und müssen konsequent bleiben. Also sagten wir:

„Nein, wir essen jetzt keine Kekse, ihr wolltet Cracker haben. Ihr könnt Cracker haben.“

Die Packung war natürlich noch nicht annähernd leer, da jeder nur einen Cracker gegessen hatte. So ging es dann weiter – die ganzen 1,5 Stunden Fahrt und auch noch danach, als wir in dieser italienischen Stadt nach einem Parkplatz suchten. Italienische Städte haben kleine, verwinkelte Straßen, und mit einem Familienauto kann das eine ziemliche Herausforderung sein.

Also überlegten wir:

„Okay, wenn wir angekommen sind, können wir Kekse essen.“

Das Parkplatzsuchen dauerte auch gute 30 Minuten. Ja, und nach dem Dauer:

„Ich will einen Keks! Niemand gibt mir einen Keks!“

war das Kind mittlerweile wirklich verzweifelt. Das erste, was wir taten, als wir endlich in dieser Parklücke standen, war, die Kekspackung zu öffnen – und das Kind war glücklich.

Wir sahen uns als Eltern an und dachten uns: Wofür haben wir uns und unserem Kind das eigentlich angetan?

Wenn du das liest, denkst du dir wahrscheinlich:

„Die Lösung liegt doch auf der Hand! Das ist doch ganz einfach!“

Heute können wir darüber lachen, und auch unser Kind – wenn wir die Geschichte erzählen. Damals aber ging es ihm nicht gut, es hat geweint. Doch jetzt versteht es, warum wir als Eltern damals so gehandelt haben, und warum wir heute so über diese Geschichte sprechen.

Wir als Eltern konnten dadurch einen wertvollen Erkenntnisschatz bergen: nämlich, dass das Prinzip „Wir müssen jetzt aus Prinzip konsequent bleiben“ nichts gebracht hat – vor allem unserem Kind nicht. Es hat keinem von uns etwas gebracht, außer dass wir etwas Wichtiges gelernt haben.

In dem Moment, als ich von meinem Kind eine Entscheidung verlangte, wusste ich nicht, dass es zu diesem Zeitpunkt – in dem Alter – noch gar nicht abschätzen konnte, was es bedeuten würde, diese Entscheidung zu treffen. Ein Kind lebt im Moment. In dem Moment, in dem ich den Cracker im Mund habe, kann ich entscheiden. Bis die Packung leer ist, ist überhaupt nicht greifbar.

Es wäre natürlich etwas anders gewesen, wenn die zweite Packung nicht da gewesen wäre. Doch so gab es die Option – und nur weil es in meinem Kopf war:

„Das macht man nicht, das ist eine Verschwendung“,

blieb ich stur. Was völliger Quatsch war, denn am Ende des Tages waren beide Packungen leer. Wann wir sie also öffneten, war komplett egal. Ich dachte nur in dem Moment: Wenn ich konsequent bleibe, wird mein Kind etwas lernen. Es wird lernen, dass es Entscheidungen überdenken wird. Aber das kann ich von einem vierjährigen Kind einfach nicht erwarten. Das kann ein Gehirn in diesem Alter noch nicht.

Dieser gut gemeinte Impuls – „Wir entscheiden jetzt, welche Packung wir als Erstes aufmachen“ – sorgte dafür, dass unser Kind sich in einer Sackgasse befand, darunter litt, weinte, jammerte. Wir als Eltern haben einerseits unsere Macht missbraucht und uns andererseits das Leben schwer gemacht. Wir haben darunter gelitten, waren gestresst, genervt – und das waren alles unsere eigenen Gefühle. Wir haben uns geärgert:

„Warum kann es das denn nicht verstehen?“

Es konnte es einfach nicht verstehen.

Wir waren in dem Moment gar nicht in der Lage zu sehen, dass es in dem Moment nicht anders handeln konnte. Wir hätten aber in dem Moment anders handeln können. Ganz anders unserem Kind begegnen, denn wir zeigten wenig Mitgefühl. Doch diese Geschichte hat uns auf jeden Fall gelehrt, dass wir Mensch sein können. Dass wir uns in jeder Situation reflektieren können.

Warum hab ich "Nein" gesagt? Warum möchte ich, dass es beim "Nein" bleibt? Möchte ich, dass es beim "Nein" bleibt? Mich dann auch in mein Kind hineinversetzen: War es in dem Moment wirklich in der Lage, diese Entscheidung abschätzen zu können und auch die Konsequenzen abzusehen, oder merkt es dann nach dem ersten Bissen: "Mhh, nein, doch lieber den Keks"?

Diese Vorstellung – wie wäre es, wenn ich jetzt in einen Kraker beiße? Häufig entscheiden die Kinder sich um, wenn sie z. B. sehen, dass die Eltern Erdbeereis essen, sie aber Vanille gewählt hatten, und plötzlich wollen sie auch Erdbeereis. Das liegt daran, dass sie es einfach nicht konnten. Sogar bei uns Erwachsenen ist es manchmal so, dass wir nicht sagen können: "Was will ich eigentlich in 5 Minuten?" Das ist doch das Schöne, dass wir uns bewusst sein dürfen, dass wir eine Entscheidung auch in 5 Minuten verwerfen können. Natürlich kann ich nicht alle 5 Minuten die Eissorte wechseln, aber ich kann mir überlegen, dass ich nächstes Mal einfach zwei nehme. Als Erwachsene vergessen wir häufig, wie viel Entscheidungsfreiheit wir eigentlich haben – welche die Kinder nicht haben. Sie sind von unseren Entscheidungen abhängig. Sie können versuchen, zu argumentieren, sie können versuchen, Dinge zu erfragen bei uns. Das ist der einzige Spielraum, der ihnen bleibt.

Warum hab ich dir jetzt diese Geschichte erzählt? Damit du immer wieder an den Keks denkst, wenn du ein "Nein" sagst oder merkst: "Oh, irgendwie fühlt sich das gerade nicht ganz stimmig an. Das Kind kann gerade nicht gut mit der Entscheidung umgehen. Eigentlich tut uns das gerade als Familie nicht gut." Unsere Autofahrt war alles andere als angenehm, es war kein Miteinander. Unser Kind war in einer emotionalen Not, und wir waren von dem Weinen, dem Jammern und dem Nachfragen gestresst und genervt.

Zum anderen möchte ich dir zeigen: Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht vielmehr darum, in jeder Situation in der Lage zu sein, sich selbst zu reflektieren und zu hinterfragen und vor allem sich selbst gegenüber ehrlich zu sein. Sich das eingestehen zu können: "Oh, ich hab in dem Moment versucht, mein Kind zu instrumentalisieren, ich habe es zu einem Objekt gemacht, an dem ich konsequent sein anwende." Das Miteinander ging verloren und wurde zu einem Machtkampf, den wir so häufig als Eltern fürchten und gleichzeitig auch als nervig und stressig empfinden. Sie entstehen immer genau dann, wenn wir denken: "Wir müssen unserem Kind etwas beibringen, ich muss ihm eine bestimmte Verhaltensweise zeigen, weil sie richtig ist", und dabei verlieren wir den Kontakt zu unserem Kind.

Sowas kannst du jederzeit hinterfragen – beginnend bei Selbstreflexion. Fang bei dir selbst an! Wie ging es mir in dem Moment? Was hätte ich in dem Moment gebraucht? Was waren die eigentlichen Beweggründe? Ich merkte, dass ich innerlich wütend wurde, als nach dem ersten Kraker schon nach einem Keks gefragt wurde. Ich war empört: "Wir hatten doch ausgemacht, erst die Kraker, dann die Kekse!" Wie kann mein Kind nach einem Keks verlangen? Es hatte nichts mit meinem Kind zu tun, es hatte etwas mit mir zu tun – wie ich mit Ablehnung umgehe, vielleicht auch damit, dass Entscheidungen von mir hinterfragt oder abgelehnt werden. Ich habe mich nicht ernst genommen gefühlt. Das führte dazu, dass ich mich noch mehr distanziert habe, emotional zugemacht habe und noch konsequenter sein wollte.

Ich hoffe, du konntest ganz viel mitnehmen. Dass du dich immer wieder neu entscheiden kannst, dass ein "Nein" nicht in Stein gemeißelt ist. Dass es nicht darum geht, dem Kind eine Lektion zu erteilen, sondern darum, in Verbindung zu gehen und zu schauen: "Was brauche ich, was brauchst du?" Denn daraus lernen die Kinder sehr viel wertvollere Dinge als aus diesem vermeintlichen "Konsequent-sein". Vielleicht hast du die Podcastfolge mit Katharina angehört. Sie meinte: "Es geht nicht darum, zu einem Nein oder Ja konsequent zu sein, sondern zu unseren Gefühlen." Ein "Nein", hinter dem ich wirklich stehe und das ich auch ausstrahle, kommt ganz anders an als ein "Ich müsste jetzt Nein sagen", nur weil ich denke, dass es sein muss.

Also, in diesem Sinne wünsche ich mir, dass du dir mitnimmst: Es ist okay, Fehler zu machen. Es geht nicht darum, sie zu vermeiden. Es geht nicht darum, immer die perfekte Antwort oder den perfekten Weg zu haben, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen für das, was du gesagt und getan hast. Etwas über dich selbst zu lernen und daraus in die Veränderung zu gehen.

Alles Liebe zu Dir,

Deine Leonie

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